Jetlag überwinden – das hilft mir nach 30 Jahren Langstrecke

Westküste Richtung Deutschland war jahrelang meine härteste Strecke. Neun Stunden Zeitunterschied, und mein Körper brauchte vier, manchmal fünf Tage, um wieder zu funktionieren. Irgendwann habe ich diese Strecken auf ein Minimum reduziert und lieber Alternativen gesucht. Nicht weil ich aufgegeben hätte, sondern weil ich nach 30 Jahren verstanden habe: Jetlag löst man nicht. Man lernt, damit umzugehen.

Was ich in dieser Zeit gesammelt habe, sind keine Wundermittel. Es sind Stellschrauben. Manche davon sind Physiologie, manche sind Erfahrung, manche sind schlicht Akzeptanz. Was davon für wen funktioniert, ist auch ein bisschen Typsache. Ich bin eine Lerche, Ostflüge liegen mir besser als Westflüge. Wer das Gegenteil ist, dreht vielleicht die Reihenfolge um. Aber die Mechanismen dahinter sind dieselben.

Was macht Jetlag im Körper eigentlich?

Jetlag ist keine Müdigkeit. Er ist eine Entkopplung. Die innere Uhr sitzt im Hypothalamus und orientiert sich an Licht. Wenn man innerhalb weniger Stunden mehrere Zeitzonen überfliegt, läuft diese Uhr noch eine Weile auf der alten Zeit weiter. Schlaf-Wach-Rhythmus, Melatoninausschüttung, Körperkerntemperatur, Cortisol, Verdauung: alles hängt an dieser Uhr, alles kommt aus dem Takt.

Der Körper braucht etwa einen Tag pro Zeitzone, um sich anzupassen. Bei neun Stunden Unterschied sind das neun Tage im Vollprogramm, wenn man nichts tut. Mit den richtigen Stellschrauben geht es deutlich schneller.

Ost- oder Westflug: warum der Unterschied zählt

Bei Ostflügen (Richtung Asien) wird der Tag verkürzt. Die innere Uhr muss vorgestellt werden. Das ist für die meisten Menschen schwieriger. Bei Westflügen (Richtung Amerika) wird der Tag verlängert. Die innere Uhr muss zurückgestellt werden, was biologisch etwas leichter fällt. Trotzdem: Wer wie ich ein ausgeprägter Frühtyp ist, trifft es bei Westflügen oft härter, weil der Körper in der Zieldestination mitten in der Nacht aufwacht und nicht mehr einschlafen kann. Chronotyp kennen hilft.

Die drei wichtigsten Stellschrauben: Licht, Schlaf, Essen

Das ist keine beliebige Reihenfolge. Licht kommt zuerst, weil es der stärkste Zeitgeber für die innere Uhr ist. Schlaf kommt zweimal vor, weil der Powernap und der Nachtschlaf unterschiedliche Funktionen haben. Essen kommt zuletzt, aber nicht, weil es unwichtig ist, sondern weil es die Wirkung von Licht und Schlaf verstärkt oder sabotiert.

Licht: der stärkste Zeitgeber

Nach einem Westflug hilft abendliches Licht am Zielort, die innere Uhr zu verzögern. Morgenlicht ist dann kontraproduktiv, es verschiebt den Rhythmus in die falsche Richtung. Nach einem Ostflug ist morgendliches Licht das Wichtigste überhaupt.

In der Praxis: Ich gehe nach jedem Flug raus. Zehn, fünfzehn Minuten, egal wie müde ich bin. Das ist kein Wellness-Tipp, das ist Chronobiologie. Im Sommer in New York bin ich um 5 Uhr morgens draußen spazieren, weil mein Körper ohnehin wach ist und das Licht zu diesem Zeitpunkt nach einem Westflug nichts nützt. Ich nutze die Zeit und warte auf die Cafés.

Schlaf: Powernap schlägt Durchschlafen

Nach einem Westflug mit Ankunft morgens in Deutschland: nicht acht Stunden durchschlafen. Zwei bis vier Stunden Powernap, dann aufstehen, Licht tanken, zur Ortszeit essen, abends normal ins Bett. Das fühlt sich brutal an. Funktioniert aber deutlich besser als sich tief in die falsche Zeitzone zu schlafen.

Beim Ostflug, zum Beispiel Indien: Hinflug tagsüber, Ankunft abends Ortszeit, schlafen. Rückflug durch die Nacht, Ankunft früh morgens in München, vier Stunden ins Bett. Dann bin ich wieder im Loop. Das ist für mich die angenehmste Variante überhaupt, weil ich einfach in meinem deutschen Rhythmus bleibe.

Mehr zu Schlaf im Schichtdienst generell: Besser schlafen im Schichtdienst, 10 Tipps für Crews.

Essen: Timing ist alles

Mahlzeiten sind Zeitgeber. Der Körper orientiert sich auch daran, wann gegessen wird, nicht nur an Licht. Das bedeutet: so schnell wie möglich auf die Essenszeiten des Zielorts umstellen, auch wenn der Hunger zum falschen Zeitpunkt kommt.

Was ich auf Nachtflügen konsequent mache: gar nicht essen. Die Verdauung kostet Energie, erhöht die Körperkerntemperatur und stört den Schlaf. Im Crewrest funktioniert das für mich deutlich besser so. Am Zielort dann leicht und basisch: Salat, gedünstetes Gemüse, Suppe. Kein schweres Abendessen, kein Alkohol.

Meine 5 Tricks nach 30 Jahren Langstrecke

1. Melatonin zum richtigen Zeitpunkt

Melatonin ist kein Schlafmittel. Es verschiebt das Zeitfenster, in dem Schlaf möglich ist. Ein Spray aus der Apotheke in niedriger Dosierung (0,5 bis 1 mg) kann die Resynchronisation unterstützen, wenn der Zeitpunkt stimmt. Falsch eingenommen, verschiebt es den Rhythmus in die falsche Richtung. Ich habe gute Erfahrungen damit, aber es braucht etwas Ausprobieren.

2. Kräutertee statt Feierabend-Bier

Alkohol lässt einen einschlafen und zerstört die zweite Nachthälfte. Die REM-Phasen, die für kognitive Erholung entscheidend sind, werden unterdrückt. Das Feierabend-Bier ist für mich ein Feierabend-Tee geworden, Kamille, Melisse, Passionsblume. Nicht wegen Enthaltsamkeit, sondern weil ich am nächsten Tag gemerkt habe, dass es funktioniert.

3. Kurkuma-Latte als Einschlafhilfe

Das klingt nach Wellness-Klischee und ist trotzdem in meinem Reisegepäck. Kurkuma hat entzündungshemmende Eigenschaften, die nach langen Flügen durchaus relevant sind. Ich hasse heiße Milch mit Honig, aber Kurkuma-Latte funktioniert für mich. Gibt es fertig zum Anrühren und passt in jedes Handgepäck.

4. Bewegung, die nicht erschöpft

Intensiver Sport nach einem Langstreckenflug erhöht den Kortisolspiegel und macht das Einschlafen schwerer. Was hilft: Spaziergang draußen, Schulterkreisen, ein paar Kniebeugen, langsames Yoga im Hotelzimmer. Alles, was die Durchblutung anregt, ohne das Nervensystem weiter aufzudrehen. Meine Reisematte kommt immer mit.

5. Reset-Tag einplanen

Nach einem langen Westflug plane ich bewusst einen Tag ohne Termine. Kein Sport, keine Erledigungen, kein sozialer Druck. Stilles Wasser, leichtes Essen, vielleicht ein Buch. Mein Körper braucht diesen Tag. Wer ihn nicht einplant, schleppt den Jetlag eine Woche weiter.



Frau streckt Arme in den Himmel, Flugzeug im Sonnenuntergang über dem Meer – Jetlag überwinden nach Langstreckenflug
Irgendwo über dem Atlantik, irgendwann gegen Morgen. (Foto: Canva)

Was bei Wechseljahren noch dazukommt

Wer gleichzeitig in den Wechseljahren ist, bemerkt oft, dass Jetlag intensiver wird. Östrogen und Progesteron beeinflussen den Schlaf direkt, und wenn die Hormonschwankungen auf die Zeitzonen-Verschiebung treffen, ist das eine eigene Kategorie. Dazu habe ich einen eigenen Artikel geschrieben: Wechseljahre oder Jetlag? Wenn beides auf einmal kommt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Jetlag ist Biologie. Kein Problem, das man löst, sondern eines, das man managt.
  • Licht ist der stärkste Zeitgeber: gezielt einsetzen, nicht nur meiden.
  • Nach Westflug: Powernap statt Durchschlafen, dann zur Ortszeit zurückfinden.
  • Essen zur Ortszeit umstellen, auf Nachtflügen möglichst gar nicht essen.
  • Kein Alkohol nach dem Flug, REM-Schlaf schützen.
  • Reset-Tag einplanen, kein Pflichtprogramm am ersten Tag zuhause.
  • Chronotyp kennen: Ost oder West liegt jedem anders.

Fazit

Ich werde nach 30 Jahren Langstrecke nicht behaupten, dass ich Jetlag besiegt habe. Westküste bleibt meine härteste Strecke, und ich fliege sie so selten wie möglich. Was sich verändert hat: Ich kämpfe nicht mehr dagegen an. Ich plane drum herum.

Vier Tage, bis der Körper wieder normal funktioniert, das ist kein Versagen. Das ist Physiologie. Und wer das akzeptiert, schläft schon besser.


Quellen

  • Åkerstedt, T. (2007). Altered sleep/wake patterns and mental performance. Physiology & Behavior, 90(2–3), 209–218. Link zur Studie
  • Roenneberg, T. et al. (2012). Social jetlag and obesity. Current Biology, 22(10), 939–943.
  • Hämochromatose-Vereinigung Deutschland e.V. haemochromatose.org

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