
Es ist fünf Uhr morgens, den zweiten Espresso im Anschlag, befinde ich mich irgendwo zwischen Hotelzimmer und Crewbus. Mein Körper ist wach, mein Kopf noch nicht.
Früher habe ich in solchen Momenten automatisch zu irgendwas Süßem oder Schwerem gegriffen. Gerne auch das im Hotel angebotene Croissant. Fett und Zucker. Hauptsache schnell Energie. Das Ergebnis war oft ein kurzer Kick und danach ein Tief, Blähbauch, Müdigkeit, schlechte Laune inklusive.
Heute sieht mein Start anders aus. Um diese Uhrzeit auf jeden Fall Kräutertee oder auch nur heißes Wasser und ein basisches, kleines Müsli. Kein Perfektionsprogramm, kein Detox, sondern eine einfache, pflanzenbetonte Basis. Seit ich mich überwiegend basisch orientiere, habe ich deutlich weniger Verdauungsstress, ein leichteres Körpergefühl und stabilere Energie über lange Dienste. Vor allem esse ich strukturierter und nicht mehr permanent aus Stress, Müdigkeit oder Gewohnheit heraus.
Basische Ernährung ist für mich kein Lifestyle-Label und keine Ideologie. Sie ist ein pragmatisches Alltagswerkzeug. Gleichzeitig sehe ich kritisch, welche Versprechen rund um „Entsäuerung“ im Umlauf sind. Beides gehört zusammen: den realen Nutzen erkennen und Mythen nüchtern einordnen.
Was bedeutet Säure-Basen-Gleichgewicht überhaupt?
Unser Körper produziert jeden Tag Säuren. Das ist normal und notwendig. Sie entstehen unter anderem durch:
- Verdauung und Stoffwechsel
- Bewegung und Muskelarbeit
- Stressreaktionen
- Entzündungsprozesse
Damit diese Säuren nicht problematisch werden, verfügt der Körper über sehr leistungsfähige Ausgleichssysteme. Puffersysteme im Blut, die Atmung über die Lunge und die Ausscheidung über die Nieren sorgen dafür, dass der Blut-pH sehr stabil bleibt.
Ernährung kann diesen Blut-pH bei gesunden Menschen nicht gezielt verändern und darum geht es hier auch gar nicht. Das ist physiologisch gut belegt. Der Körper reguliert diesen Wert selbst sehr zuverlässig. Das ist wichtig zu wissen, um unrealistische Erwartungen zu vermeiden.
Gleichzeitig heißt das nicht, dass Ernährung egal wäre. Sie beeinflusst, wie viel Arbeit diese Ausgleichssysteme leisten müssen und wie gut der Körper mit Belastungen umgehen kann.
Externe Einordnung:
Shaw et al.: Acid–base balance physiology (PMC)
AOK: Mythbusting basische Ernährung
Was Ernährung realistisch beeinflussen kann
Eine überwiegend pflanzenbetonte, frische Ernährung liefert viele Mineralstoffe, Ballaststoffe und Flüssigkeit bei gleichzeitig geringerer Stoffwechselbelastung durch stark verarbeitete Produkte, Alkohol und sehr schwere Mahlzeiten.
Im Alltag merke ich das ganz konkret: Meine Verdauung läuft ruhiger. Ich bin nach dem Essen weniger müde. Ich habe weniger dieses dumpfe „Ich bin voll, aber trotzdem nicht richtig satt“-Gefühl. Meine Energie ist gleichmäßiger, gerade auf langen Umläufen.
Ein wichtiger Punkt für mich ist auch die Selbststeuerung. Wenn meine Mahlzeiten leichter und strukturierter sind, falle ich weniger in dieses automatische Snacken aus Stress, Langeweile oder Erschöpfung. Das ist kein moralisches Thema, sondern reine Systemlogik.
Das sogenannte PRAL-Modell beschreibt, ob Lebensmittel im Stoffwechsel eher säure- oder basenbildend wirken. Es ist kein exaktes Messinstrument, aber ein sinnvolles Orientierungssystem, um pflanzliche Lebensmittel gezielt zu priorisieren. Für mich ist es eine Entscheidungshilfe, kein Dogma.
Warum Stress und Rhythmus oft mehr Einfluss haben als perfekte Lebensmittelwahl
Im Crew- und Schichtalltag wirken zusätzliche Belastungen:
- Jetlag und wechselnde Schlafzeiten
- unregelmäßige Mahlzeiten
- lange Stehzeiten und Dehydrierung
- hohe mentale Aufmerksamkeit
Unter diesen Bedingungen steigt der Bedarf an Regeneration und stabiler Versorgung. Ernährung kann unterstützen, aber sie kann Schlafmangel und Dauerstress nicht kompensieren.
Meine Erfahrung: Eine einfache, pflanzenbetonte Grundstruktur im Essen schafft Stabilität, auch wenn der Tagesablauf chaotisch ist. Ich muss weniger entscheiden, weniger improvisieren und weniger kompensieren. Das entlastet mental und körperlich.
Was bei mir nicht funktioniert hat
Ich habe auch die andere Seite erlebt. Zu strenge Regeln, zu viel Kontrolle, zu viele Verbote. Das hat mich eher gestresst als unterstützt. Ebenso haben mich klassische „Basenkuren“, Pulver oder starre Pläne nicht überzeugt. Kurzfristig fühlt sich manches vielleicht gut an, langfristig ist es im Crew-Alltag nicht tragfähig und erzeugt neuen Stress.
Auch ständiges Messen oder Optimieren bringt mir persönlich nichts. Es erzeugt Druck und lenkt vom eigentlichen Ziel ab: stabil, entspannt und genussfähig zu essen.
Diese Erfahrungen haben mich zu einer deutlich pragmatischeren Haltung geführt.
Warum ich bewusst Abstand von Entsäuerungsversprechen halte
Im Netz wird oft behauptet, man könne den Körper gezielt „entsäuern“ oder den pH-Wert manipulieren. Das ist so nicht sauber belegt. Der Blut-pH wird streng reguliert. Urin-pH-Messungen sagen nur bedingt etwas über den inneren pH-Zustand aus.
Mir ist wichtig, dass basische Ernährung nicht über Angst, Kontrolle oder Heilversprechen verkauft wird. Der Nutzen liegt nicht in Zahlen, sondern im Alltagserleben.
Eine nüchterne Zusammenfassung der Kritik findest du hier:
Wikipedia: Basische Ernährung
Praxis: Wie ich basische Ernährung im echten Crew-Alltag umsetze
Diese fünf Bausteine tragen mich durch meinen Arbeitsalltag:
- Gemüse ist mein Standard. Jeder Teller startet mit Gemüse oder Salat. Nicht als Dekoration, sondern als Basis.
- Ich arbeite mit vorbereiteten Basics. Gedünstetes Gemüse, Ofengemüse, Reis oder Kartoffeln im Kühlschrank reduzieren Entscheidungsstress.
- Snacks sind geplant, nicht zufällig. Vorbereitung verhindert Stress-Snacking.
- Trinken ist Routine. Wasser und Kräutertee gehören fest zum Dienst.
- Ich bleibe flexibel. Unterwegs kombiniere ich pragmatisch das Beste, was verfügbar ist.
Diese Struktur gibt mir Stabilität, ohne mein Leben zu verkomplizieren. Genau darin liegt für mich der eigentliche Wert der basischen Orientierung.
Kurz zum Thema Hämochromatose
Bei Hämochromatose spielt zusätzlich die Eisenaufnahme eine zentrale Rolle. Pflanzlich-basische Ernährung kann entlastend wirken, ersetzt aber keine medizinische Betreuung. Dazu folgt ein eigener Artikel mit konkreten Lebensmittellogiken und Eisenwerten.
→ Hämochromatose und Ernährung im Alltag
Wie es hier weitergeht
In den nächsten Artikeln zeige ich dir die praktische Umsetzung:
- einfache basische Crew-Rezepte und Meal-Prep-Ideen
- Snack-Strategien für lange Dienste und Jetlag-Tage
- hämofreundliche Anpassungen mit Eisen- und PRAL-Logik
→ Basisches Meal-Prep für Crew und Vielreisende
Fazit
Basische Ernährung ist für mich kein Trend und kein Heilsversprechen. Sie ist ein pragmatisches Werkzeug, um meinen Körper im fordernden Alltag leichter, stabiler und verlässlicher zu versorgen.
Der größte Gewinn ist nicht ein theoretischer pH-Wert, sondern weniger Verdauungsstress, ein besseres Körpergefühl und mehr Selbststeuerung statt Dauer-Snacking.


