Erschöpfung im Schichtdienst – mehr als Jetlag?

Dauermüde im Schichtdienst – Strategien gegen Erschöpfung und Eisenüberladung für Flugzeug-Crews

Hämochromatose im Schichtdienst – chronische Erschöpfung, die kein Jetlag ist

Mit 42 kamen die Wechseljahre. Mit 45 die Menopause. Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Gewichtsschwankungen, Fressattacken. You name it, I had it. Das kam alles zu den Jetlag-Symptomen noch dazu, die ich nach 20 Jahren Langstrecke ohnehin kannte.

Irgendwann hatte ich aber langsam die Nase voll von „Wechseljahre – das ist halt so“. Ich war dauermüde, groggy, lustlos. Gliederschmerzen, Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen. Mein Hausarzt wusste nicht mehr weiter. Frauenärztin, Orthopäde, Nuklearmediziner, Endokrinologin, Heilpraktikerin, Osteopathin. Alle zuckten irgendwann mit den Schultern. Auffällig war die ganze Zeit eines: erhöhte Ferritinwerte. Die Transferrinsättigung hat nie jemand gemessen – das war schlicht nicht auf dem Radar. Das erhöhte Ferritin wurde abgestempelt als „das ist halt so“.

Irgendwann – aus purer Verzweiflung, weil ich sicher war, dass da mehr dahintersteckt – habe ich meine Blutwerte in eine KI eingegeben. Die schlug mir vor, einen Gentest zu machen. Die Werte könnten auf eine Hämochromatose hinweisen. Gesagt, getan. So kam ich zur Diagnose.

Das erzähle ich nicht, um eine Krankengeschichte zu teilen. Sondern weil ich weiß, wie viele Kolleginnen jahrelang mit denselben Symptomen herumlaufen — und nie auf die Idee kommen, dass erhöhte Ferritinwerte mehr sein könnten als eine Randnotiz im Laborbefund.

Was Hämochromatose überhaupt ist

Hämochromatose ist eine Eisenspeicherkrankheit. Der Körper nimmt zu viel Eisen aus der Nahrung auf und kann es nicht ausreichend ausscheiden. Das Eisen lagert sich in Organen ab – Leber, Herz, Bauchspeicheldrüse, Gelenke. Unbehandelt kann das zu ernsthaften Organschäden führen.

Die häufigste Form ist genetisch bedingt: ein Defekt im HFE-Gen, den statistisch etwa jeder 200. Europäer trägt – oft ohne es zu wissen. Daneben gibt es die sekundäre Eisenüberladung, bei der kein Gendefekt vorliegt, sondern andere Faktoren den Eisenstoffwechsel stören: Leberstress, unkritisch eingenommene Nahrungsergänzungsmittel (viele Multivitamine sind Eisenbomben) oder schlicht jahrelange Fehlernährung.

Das Tückische: Die Symptome sind unspezifisch. Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsprobleme. Alles Dinge, die im Schichtdienst als normal gelten – und deshalb so lange übersehen werden.

Symptome, die auf Hämochromatose hinweisen können

  • Chronische Erschöpfung – die durch kein Layover besser wird
  • Gelenkschmerzen – besonders Finger- und Handgelenke (das sogenannte „Hämo-Gelenk“)
  • Brainfog – Konzentrationsprobleme, das Gefühl, im Nebel zu denken
  • Stimmungsschwankungen – Reizbarkeit, depressive Verstimmungen
  • Herzstolpern – durch Eisenablagerungen im Herzmuskel
  • Erhöhte Leberwerte im Blutbild
  • Dauerhaft erhöhtes Ferritin – auch ohne akute Entzündung

Wichtig: Diese Symptome können viele Ursachen haben. Eine Diagnose kann nur die Ärztin stellen.

Warum es Frauen ab 50 besonders trifft – und warum es so oft als Wechseljahre abgetan wird

Solange Frauen menstruieren, haben sie einen eingebauten Schutzmechanismus: Die monatliche Blutung ist ein natürlicher Aderlass. Der Körper verliert regelmäßig Eisen. Mit der Menopause fällt dieser Mechanismus weg. Wer eine genetische Veranlagung hat oder schlicht jahrelang mehr Eisen aufgenommen als ausgeschieden hat, merkt es jetzt.

Das Problem: Die Symptome einer unkontrollierten Eisenüberladung und die Symptome der Menopause überschneiden sich massiv. Müdigkeit, Gelenkschmerzen, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen. Beides gleichzeitig ist möglich – und beides gleichzeitig hatte ich. Die Frage ist: Was davon ist Hormon, was ist Eisen?

Wer das nicht auseinanderhält – und das tun viele Ärztinnen nicht, weil Hämochromatose bei Frauen schlicht weniger auf dem Radar ist -, behandelt jahrelang das falsche Problem. Oder gar keins.

Dazu habe ich einen eigenen Artikel geschrieben: Wechseljahre oder Jetlag? Wenn beides auf einmal kommt.



Laborzettel mit Stift – Blutbild auf Hämochromatose prüfen lassen
Ferritin und Transferrinsättigung — zwei Werte, die man kennen sollte. (Foto: Canva)

Die richtigen Laborwerte und warum das kleine Blutbild nicht reicht

Das ist der Punkt, an dem viele Jahre verloren gehen. Das Standard-Blutbild beim Hausarzt sagt über die Eisenspeicher so gut wie nichts aus. Man braucht drei spezifische Werte:

Ferritin – der Langzeitspeicher. Bei Frauen ein Warnsignal ab etwa 200 ng/ml, bei Männern ab 300 ng/ml. Aber Vorsicht: Ferritin steigt auch bei Entzündungen und Infekten an. Der Wert sollte im gesunden Zustand gemessen werden, sonst ist er kaum aussagekräftig.

Transferrinsättigung – zeigt, wie stark die Eisentransporter im Blut beladen sind. Über 45 % ist ein ernstes Warnsignal. Bei mir wurde dieser Wert jahrelang gar nicht erst gemessen. Niemand hatte ihn auf dem Schirm.

Hämoglobin – der rote Blutfarbstoff. Hilft, das Gesamtbild zu verstehen, reicht allein aber nicht aus.

Mein praktischer Hinweis: Wer ohnehin zur Schilddrüsenkontrolle geht – was im Schichtdienst Sinn macht -, kann beim Endokrinologen oder Nuklearmediziner gezielt nach Ferritin und Transferrinsättigung fragen. Das läuft oft über die Krankenkasse, wenn es im Rahmen einer ganzheitlichen Abklärung angeordnet wird.

Wenn die Werte auffällig sind, ist der nächste Schritt ein Gentest auf das HFE-Gen. Ein einfacher Bluttest. Er gibt Gewissheit.

Diese drei Werte brauchst du

  • Ferritin: Warnsignal bei Frauen >200 ng/ml, Männer >300 ng/ml – im gesunden Zustand messen lassen
  • Transferrinsättigung: Warnsignal ab >45 % – wichtiger als Ferritin allein
  • Hämoglobin: Für das Gesamtbild
  • Bei auffälligen Werten: HFE-Gentest als nächster Schritt

Schichtdienst als Verstärker – warum es an Bord schlimmer wird

Kosmische Strahlung, niedrige Luftfeuchtigkeit, ständige Zeitzonen-Verschiebung – all das erzeugt oxidativen Stress. Eisen wirkt unter diesen Bedingungen wie ein Katalysator: Es beschleunigt die Zellschädigung. Die Müdigkeit bei Eisenüberladung ist kein Energiemangel im klassischen Sinne. Es sind die Mitochondrien, die Kraftwerke in den Zellen, die unter der Eisenlast nicht mehr richtig arbeiten können.

Dazu kommt: An Bord trinken wir zu wenig, essen unter Zeitdruck, atmen recycelte Luft. Die Leber, die bei Hämochromatose ohnehin Mehrarbeit leistet, hat kaum eine Chance zur Erholung. Mehr Kaffee hilft dabei nicht, er übersäuert zusätzlich und stresst die Leber weiter.

Basisch und eisenarm essen, das ist mein Weg im Alltag

Eisenarm essen bedeutet nicht, hungern oder auf alles verzichten. Es bedeutet, zu verstehen, welches Eisen der Körper wie gut aufnimmt und wo man gezielt bremsen kann.

Häm-Eisen steckt in tierischen Produkten: Fleisch, Fisch. Der Körper nimmt es fast ungefiltert auf, bis zu 35 %. Kaum steuerbar. Deshalb kein Fleisch, das ist für mich keine Ideologie, sondern die effizienteste Stellschraube.

Nicht-Häm-Eisen kommt aus Pflanzen. Der Körper nimmt nur 2–10 % auf, und die Aufnahme lässt sich aktiv bremsen. Das ist der Joker bei Hämochromatose.

Zwei Regeln, die ich konsequent einhalte:

  • Kein Vitamin C zur Mahlzeit. Vitamin C ist ein Turbolader für Nicht-Häm-Eisen. Es öffnet die Schleusen im Darm. Kein Orangensaft zum Essen, keine Zitrusfrüchte direkt zur Mahlzeit, kein Vitamin-C-Supplement mit dem Frühstück.
  • Grüner Tee zur Mahlzeit. EGCG, der Wirkstoff im grünen Tee, bremst die Eisenaufnahme messbar. Funktioniert auch in der entkoffeinierten Variante, was nachts oder vor dem Schlafen relevant ist. Ich habe immer eigene Bio-Beutel dabei. Mehr dazu: Grüner Tee als Eisen-Stopper.

Was bei Hämochromatose vom Speiseplan verschwindet, auch wenn es sonst als gesund gilt: Hirse, Hanfsamen, Sesam, rote Paprika, Brokkoli. Alles eisenreich, alles kombiniert mit hoher Bioverfügbarkeit oder Vitamin-C-Gehalt. Das tut weh, weil sie Superfoods sind. Aber für mich sind es Trigger.

Was ich stattdessen esse:

Lebensmittel (100 g)  kcal Eisen (mg) PRAL Vit. C (mg) Häm-Eisen
Rucola 25 1,5 −7,5 15 Nein
Gurke 15 0,2 −2,0 8 Nein
Zucchini 17 0,4 −4,6 17 Nein
Fenchel 31 0,7 −7,9 12 Nein
Apfel 52 0,1 −2,2 12 Nein
Reis (weiß, gekocht) 130 0,2 +1,7 0 Nein

Im Layover und an Bord funktioniert das:

Bordessen lasse ich inzwischen konsequent weg. Hochverarbeitete Mahlzeiten, voller Zusatzstoffe, oft mit verstecktem Eisen, das ist für mich kein Essen mehr, das ich meinem Körper zumute. Ich nehme mir Eigenes mit: basisch, leicht, eisenarm. Eine Thermobox hält es frisch.

Im Layover: erst Wasser, dann Essen und dann grüner Tee. Kein Griff zum Hotelfrühstücksbuffet mit Rührei und Wurst. Ein großer Salat, gedünstetes Gemüse, klare Suppe. Kein Sprudel, denn Kohlensäure ist für einen ohnehin belasteten Körper eine unnötige zusätzliche Säurequelle.

Espresso als Eisenhemmer: Koffein bremst die Eisenaufnahme ebenfalls. Das ist der einzige Moment, in dem mein Espresso eine funktionale Rolle hat. Aber nicht als Durstlöscher, nicht als Energiekrücke. Genuss, einmal täglich, danach grüner Tee.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Chronische Erschöpfung im Schichtdienst ist nicht immer Jetlag – erhöhte Ferritinwerte ernst nehmen.
  • Standardblutbild reicht nicht: Ferritin, Transferrinsättigung und ggf. HFE-Gentest anfordern.
  • Mit der Menopause fällt der natürliche Eisenschutz weg – besonders ab 50 relevanter Check.
  • Häm-Eisen (Fleisch, Fisch) meiden – Nicht-Häm-Eisen lässt sich steuern.
  • Kein Vitamin C zur Mahlzeit – grüner Tee stattdessen.
  • Verboten: Hirse, Hanfsamen, Sesam, rote Paprika, Brokkoli.
  • Basisch essen senkt die Entzündungslast und entlastet die Leber.

Fazit

Ich habe Jahre gebraucht, um zur Diagnose zu kommen. Nicht weil die Werte nicht da waren, sondern weil niemand sie ernst genommen hat. Irgendwann habe ich aufgehört zu warten und selbst nachgeforscht.

Was mich ärgert: Hämochromatose ist keine seltene Erkrankung. Sie ist unterdiagnostiziert, besonders bei Frauen. Und sie lässt sich, wenn man sie kennt, gut managen.

Die einzige wirklich wirksame Behandlung ist die Aderlass-Therapie. Dabei wird regelmäßig Blut abgenommen. Zu Beginn oft wöchentlich, später in größeren Abständen, um den Eisenspiegel zu senken und stabil zu halten. Das klingt mittelalterlich, ist aber medizinisch etabliert und gut verträglich. Ernährung kann das nicht ersetzen. Was sie aber kann: die Häufigkeit der Aderlässe reduzieren, weil weniger Eisen aufgenommen wird. Das ist mein Ansatz. Nicht entweder/oder, sondern beides zusammen.

Wer die hämofreundliche Ernährung konkret umsetzen will: Im Ernährungshangar findest du eine ausführliche Lebensmittelliste mit PRAL-Werten und Eisengehalt, plus 21 Seiten Tracker. Die Idee dahinter ist nicht Kontrolle um der Kontrolle willen, sondern Bewusstsein: Was esse ich eigentlich? Neue Gewohnheiten entstehen nicht durch Vorsätze, sondern durch Wiederholung und dafür ist der Tracker da.

Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst, mach den Laborcheck. Es kostet nichts außer einem Arztgespräch.


Quellen

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