Mit 42 schon Wechseljahre? Ja. Und das ist normal.

Es war eine Nachtschicht irgendwo über dem Nordatlantik. Meine Kollegin — 42, kinderlos, seit zwanzig Jahren in der Luft — lehnte sich zu mir und sagte: „Ich glaube, ich bin in den Wechseljahren.“ Dann kam die Pause. „Aber mein Freund meint, das ist doch viel zu früh für mich.“

Ich habe kurz überlegt, was ich sagen soll. Denn „zu früh“ ist eigentlich das falsche Wort. Es gibt kein zu früh — es gibt nur sehr individuell. Was sie beschrieb: unruhiger Schlaf, ein Zyklus, der plötzlich nicht mehr verlässlich tickte, Reizbarkeit ohne klaren Auslöser. Das klingt für mich nicht nach Einbildung. Das klingt nach Perimenopause.

Ich selbst war mit 42 mittendrin — und hatte mit 45 meine letzte Periode. Das ging also schneller als der Durchschnitt. Und ja, ich habe mich währenddessen manchmal gefragt, ob das wohl jemals aufhört. Rückblickend war diese lange Phase voller Symptome sogar der Umweg, der mich schließlich zu meiner Hämochromatose-Diagnose geführt hat — aber das ist eine andere Geschichte. Erst einmal: Was steckt eigentlich hinter diesem Übergang?

Was sind Wechseljahre eigentlich — und was ist Perimenopause?

Kurze Begriffsklärung, damit wir vom Gleichen reden:

Die Menopause ist laut der Deutschen Menopause Gesellschaft (DMG) die letzte Menstruationsblutung im Leben einer Frau — aber man weiß erst rückblickend, dass sie die letzte war, nämlich dann, wenn danach zwölf Monate keine Blutung mehr aufgetreten ist. Im Durchschnitt passiert das mit 51 bis 52 Jahren.

Was davor kommt, ist die Perimenopause — die Übergangsphase, in der die Eierstöcke ihre Hormonproduktion zunehmend unregelmäßig gestalten. Die DMG beschreibt sie als die Lebensphase kurz vor und nach der letzten Monatsblutung. In der Praxis beginnt sie meist 4 bis 8 Jahre vor der Menopause — das bedeutet: Mitte bis Ende 40, in manchen Fällen aber auch früher.

Und dann gibt es noch die Prämenopause — die Phase noch davor, in der Progesteron (das Gelbkörperhormon; Eierstöcke; Eisprung) als erstes Hormon zu sinken beginnt, der Zyklus sich aber noch einigermaßen hält.

Wenn ich hier im Artikel von „Wechseljahren“ schreibe, meine ich diesen ganzen Übergang — also Prä- und Perimenopause zusammen. Es ist kein Schalter, der umgelegt wird. Es ist ein schleichendes Hormonszenario in mehreren Akten.

Ab wann kann die Perimenopause beginnen?

Hier wird es interessant — und hier liegt der größte blinde Fleck in der Frauenmedizin.

Offiziell gilt: Die frühe Perimenopause beginnt typischerweise mit Mitte 40. In der medizinischen Fachliteratur wird aber auch dokumentiert, dass erste Symptome bis zu zehn Jahre vor der Menopause auftreten können — also theoretisch schon Anfang 40 oder sogar Ende 30.

Die S3-Leitlinie der AWMF (Peri- und Postmenopause, Stand 2020) empfiehlt explizit, bei Frauen zwischen 40 und 45 Jahren mit typischen Symptomen wie Hitzewallungen oder Zyklusveränderungen an eine beginnende Perimenopause zu denken — und bei Frauen unter 40 eine eingeschränkte Eierstockfunktion auszuschließen. Bei mir wurde damals das Anti-Müller-Hormon (Der AMH-Wert gibt Auskunft darüber, wie viele reifungsfähige Eizellen in den Eierstöcken noch vorhanden sind) getestet und festgestellt, dass meine Eierstöcke nicht mehr produzieren.

Wichtige Einordnung: Von „vorzeitigen Wechseljahren“ im medizinischen Sinne spricht man, wenn die Eierstockfunktion vor dem 40. Lebensjahr erlischt (sogenannte prämature Ovarialinsuffizienz). Das betrifft laut DMG etwa ein Prozent der Frauen. Wer also mit 42 erste Symptome hat, fällt nicht in diese Kategorie — sie befindet sich wahrscheinlich im normalen, nur früh einsetzenden Ende des Spektrums. Aber das bedeutet eben auch: kein Grund, die Symptome wegzuschieben.

Was passiert gerade hormonell?

Das Verwirrende an der Perimenopause ist: Es ist kein einfaches Absinken der Hormone. Es ist Chaos.

Als Erstes sinkt das Progesteron. Die Eierstöcke produzieren nach und nach weniger, weil der Eisprung unregelmäßiger wird. Gleichzeitig versuchen die Befehlshormone FSH und LH, die Eierstöcke anzufeuern — was manchmal zu ungewöhnlich hohen Östrogenspiegeln führt, bevor dieser ebenfalls zu schwanken beginnt.

Das Ergebnis: Hormonspiegel, die rauf und runterfahren wie ein Aufzug im Technikdefekt. Und genau diese Schwankungen, nicht der Mangel allein, verursachen die typischen Symptome der frühen Phase.

Welche Symptome sind typisch — und warum erkennt man sie oft nicht?

Die klassischen Wechseljahressymptome kennt mittlerweile fast jede: Hitzewallungen, Nachtschweiß, Scheidentrockenheit. Aber das sind die späteren, deutlicheren Signale. Die frühen Anzeichen sind subtiler — und werden deshalb oft übersehen oder falsch zugeordnet. Ein Überblick über das ganze Spektrum:

Typische Symptome im Überblick

Der Verlauf ist individuell — aber es gibt wiederkehrende Muster. Nicht alle Symptome treten bei jeder Frau auf, und nicht alle gleichzeitig.

Vasomotorisch
Hitzewallungen und Nachtschweiß — klassische Zeichen, die durch eine Fehlregulation des Hypothalamus entstehen. Kommen oft erst in der späteren Perimenopause deutlicher.

Psychisch und kognitiv
Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Ängstlichkeit. Brain Fog: Konzentration weg, Wörter weg, Gedanken irgendwo im Atlantik. Schlafstörungen — oft unabhängig vom Schwitzen.

Zyklus und Körper
Unregelmäßige Blutungen, stärker oder schwächer als gewohnt. Scheidentrockenheit, häufigere Harnwegsinfekte. Gelenke, die morgens brauchen, um warm zu werden. Haut und Haare, die sich verändern.

Stoffwechsel und Herz-Kreislauf
Gewicht, das sich ohne erklärbaren Grund in der Mitte sammelt. Gelegentliches Herzstolpern ohne Befund. Blutdruck kann sich leicht erhöhen. Langfristig: steigende Bedeutung von Knochendichte und Gefäßgesundheit — Östrogen hatte da bisher still und leise mitgewirkt.

Das Tückische: Diese Symptome kommen schleichend. Und sie haben alle auch andere Ursachen. Schlecht geschlafen? Könnte Schichtdienst sein. Gereizt? Könnte Stress sein. Konzentrationsprobleme? Könnte alles Mögliche sein. Deshalb denken Frauen oft nicht zuerst an Hormone — und Ärzte manchmal auch nicht.

Schichtdienst oder Hormone — wie erkenne ich den Unterschied?

Genau das ist die Crux für uns als Crew. Schlechter Schlaf, Reizbarkeit, Konzentration im Keller — das kennen wir. Das gehört zum Job. Aber irgendwann verändert sich etwas im Muster. Es fühlt sich anders an. Hartnäckiger. Unabhängiger vom letzten Dienst. Der folgende Selbstcheck hilft dir, das einzuordnen — kein medizinischer Test, aber ein erster ehrlicher Blick.

Selbstcheck: Kenne ich das schon — oder ist das neu?

Hak alles an, was du in den letzten 3 Monaten bemerkt hast. Trenn dabei nicht: einfach alles, was zutrifft.

0 von 8 Punkten aus Block 2 angekreuzt

Klingt nach Schichtdienst-Alltag.

Die meisten deiner Punkte lassen sich gut durch Dienstrhythmus und Jetlag erklären. Beobachte weiter — besonders, ob sich etwas im Muster verändert.

Ein paar Signale, die es wert sind, genauer hinzuschauen.

Einiges davon könnte Schichtdienst sein — aber einiges klingt nach hormoneller Veränderung. Ein Symptomtagebuch über 2–3 Monate hilft dir, Muster zu erkennen. Sprich beim nächsten Gyntermin aktiv drüber.

Mehrere Punkte, die nicht nach Jetlag klingen.

Das ist kein Befund — aber ein guter Anlass für ein gezieltes Gespräch mit deiner Ärztin. Bring eine Liste deiner Symptome mit und frag explizit nach Perimenopause. Ein einzelner Hormonstatus reicht nicht — lass dir erklären, was sinnvoll ist.

Warum Ärzte oft zu spät informieren

Das ist kein Vorwurf, sondern eine strukturelle Beobachtung. Viele Gynäkologinnen und Gynäkologen thematisieren Perimenopause erst, wenn Frauen explizit danach fragen — oder wenn die Symptome deutlich ausgeprägt sind. Eine 42-Jährige, die über Schlafstörungen klagt, bekommt nicht automatisch eine Einordnung in Richtung Hormonwandel.

Die DMG-Präsidentin Dr. Katrin Schaudig hat es auf den Punkt gebracht: Entscheidend sei nicht das Alter, sondern welche Symptome eine Frau hat — und ob diese neu aufgetreten sind. Ein Hormonstatus allein ist in der frühen Perimenopause übrigens oft wenig aussagekräftig, da FSH und Östradiol stark schwanken und ein einzelner Wert kaum Orientierung bietet.

Was man stattdessen tun kann: ein Symptomtagebuch führen. Mindestens drei Monate Zykluslänge, Schlaf, Stimmung und Körpergefühl dokumentieren. Das ist die sauberste Grundlage für ein informiertes Gespräch beim Arzt oder Heilpraktiker deines Vertrauens.

Was das mit uns als Crew zu tun hat

Ich rede hier aus 30 Jahren Langstreckeerfahrung: Schichtdienst, Zeitzonenwechsel und permanente Schlafunterbrechungen machen es schwieriger, perimenopausale Symptome zu erkennen — weil sie sich mit dem überlagern, was wir sowieso schon kennen. Schlechter Schlaf nach einem transatlantischen Rückflug. Stimmungstiefs nach drei Nachtschichten. Konzentration wie Watte nach 14 Stunden über dem Pazifik.

Wer das täglich als Grundrauschen hat, bemerkt nicht sofort, wenn da eine neue, hormonelle Schicht dazukommt. Das macht es nicht dramatischer — aber es macht Selbstwahrnehmung wichtiger. Und es macht Wissen wichtiger.

Im nächsten Artikel dieser Reihe schauen wir uns genau das an: Wie unterscheide ich Perimenopause-Symptome von klassischen Jetlag- und Schichtdienst-Folgen? Und was steckt dahinter, wenn beides gleichzeitig kommt? — Wechseljahre und Schichtdienst: Was wirklich dahintersteckt

Was jetzt wichtig ist

Keine Panik. Und keine Verharmlosung.

Perimenopause ist kein Krankheitsbild. Sie ist eine physiologische Übergangsphase — komplex, individuell, manchmal nervig, aber normal. Wer sie früh versteht, hat mehr Handlungsspielraum: beim Gespräch mit der Ärztin/Heilpraktikerin, bei der eigenen Wahrnehmung, beim Anpassen von Schlaf, Ernährung und Alltag.

Und für alle, die gerade zweifeln: Wenn du mit 40, 42 oder 44 das Gefühl hast, dass sich etwas verschoben hat — im Zyklus, im Schlaf, in der Stimmung —, dann ist dieses Gefühl keine Einbildung. Es ist Information. Nimm sie ernst.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Die Perimenopause beginnt typischerweise 4–8 Jahre vor der Menopause — also häufig Mitte bis Ende 40, bei manchen auch deutlich früher.
  • Die Menopause selbst (letzte Blutung) tritt im Mitteleuropa-Durchschnitt mit 51 bis 52 Jahren ein.
  • „Vorzeitige Wechseljahre" im medizinischen Sinne bedeuten Ovarialinsuffizienz (also keine Eierproduktion mehr) vor dem 40. Lebensjahr — das betrifft etwa 1 % der Frauen.
  • Frühe Symptome: unregelmäßiger Zyklus, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Gehirnnebel — oft nicht als Perimenopause erkannt.
  • Ein Symptomtagebuch über mindestens drei Monate ist die beste Vorbereitung für das Gespräch mit der Ärztin.
  • Ein einzelner Hormonstatus ist in der frühen Perimenopause wenig aussagekräftig.

Quellen

  • Deutsche Menopause Gesellschaft (DMG): Menopause Übersicht & Vorzeitige Wechseljahre
  • S3-Leitlinie AWMF: Peri- und Postmenopause — Diagnostik und Interventionen (AWMF-Register Nr. 015–062, Stand 2020), zitiert nach: Frauenärzte im Netz
  • Santoro N et al.: The Menopause Transition: Signs, Symptoms, and Management Options. J Clin Endocrinol Metab. 2021;106(1):1–15. DOI: 10.1210/clinem/dgaa764

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